Meine Erfahrung: Sigma 120-300mm 2.8 Sport und Sigma 24-105mm C

Wie kann man ein Objektiv mal auf Herz und Nieren testen? Fokusgeschwindigkeit und -treffsicherheit, robuste Bauart und Wetterbeständigkeit unter härtesten Bedingungen probieren, das war unser Ziel. Also raus aus irgendwelchen Laboren mit künstlichen Set-Ups, rein ins reale Fotografenleben. Als Kulisse diente der Nürburgring im tiefen Eifelwald, dort fand sich neben uns an diesem Samstag das internationale „who is who“ der Motorsportszene zum Langstreckenpokal zusammen. In unserem Gepäck: Das Sigma 24-105mm f/4 Art, als Reportageobjektiv für Boxengasse und Fahrerlager. Dazu gesellte sich für das Renngeschehen auf der Strecke das Sigma 120-300 f/2.8 Sport, das um ein Haar dem Test ferngeblieben wäre.

Drehen wir die Uhr mal zwei Wochen zurück: Wir wollen Sigma-Equipment im harten Rennalltag erleben, fragen also beim Hersteller an. Und: Pech, leider sind alle 120-300 f/2.8er schon nach Zingst unterwegs. Daher wird unser Vorhaben leider nichts. „Obwohl“, sagt man uns am Telefon, „hier ist noch ein Objektiv da, aber das ist eigentlich nicht zum Testen gedacht“. Es ist ein Probierobjektiv für die Händler. Nach ein bisschen Überzeugungsarbeit rücken sie es dann doch raus – unter der Bedingung, dass wir diese Umstände berücksichtigen. Und, was soll ich sagen?

 

Nein, machen wir nicht. Dazu gibt es nämlich keinen Grund: Schon bei den ersten Testschüssen stellt sich schnell heraus – das Sigma ist bockstark, von Ecke bis Mitte und das schon bei Offenblende. Der Fokus sitzt, wo er sitzen soll, das Objektiv arbeitet tadellos und hat den anstrengenden Alltag bei den vielen Händlern offenbar klag- und fast spurlos überstanden. Dafür schon mal ein Applaus!

 

Das Sigma-Tele beeindruckt aber mit einer weiteren Eigenschaft, die schon beim Auspacken auffällt: Es ist recht groß und vor Allem mit fast 3.500 Gramm eher schwer. Am Nürburgring haben wir daher ein Einbeinstativ dabei, auch wenn der Bildstabilisator einen ausgezeichneten Job macht. Aber dazu später mehr. Ebenfalls üppig ist jedenfalls der Polfilter, mit 105mm hält man hier ein kleines Bullauge in der Hand.

 

Schon am frühen Morgen werden wir an der Rennstrecke mit Eifel-typischem Wetter empfangen. Drei Grad zeigt das Thermometer, der dichte Nebel wird dagegen schnell von Regentropfen abgelöst. Für die Objektive kein Problem, auch wenn das 24-105mm f/4 offiziell nicht gegen Wasser geschützt ist, macht es eine gute Figur. Dazu trägt auch unser Sigma-Polfilter bei, der nicht nur sehr dünn und recht hell, sondern offenbar auch Wasserabweisend ist. Sigma beschreibt das Objektiv als idealen Begleiter für Landschaften, Reisen und Potraits an einer Vollformat-Kamera, wir stehen derweil im Regen und fotografieren Sport mit einer APSC-Canon 7D II. Macht aber nichts, die Resultate sind schlicht beeindruckend, und das ist schließlich, was zählt.

 

Um eine hohe Abbildungsleistung zu erreichen, ist die Korrektur der chromatischen Aberration unverzichtbar. Und so stand die Minimierung von Bildfehlern bereits in der Entwicklungsphase des Objektivs im Fokus, verkündet der Hersteller. Das Objektiv beinhaltet nun FLD-Glas (“F” Low Dispersion) und SLD-Glaselemente (Special Low Dispersion) und minimiert so die chromatische Aberration, die hauptsächlich im Randbereich, bei vergrößerter Bildansicht sichtbar wird. Da hat Sigma in jedem Fall einen super Job erledigt, denn auch Vignetten oder Flares sind offenbar ein Relikt vergangener Tage. Beim Fotografieren in den düsteren Boxen bietet es sich auch an, den Bildstabilisator auszuprobieren, der seine Sache wirklich fantastisch macht. 1/50 Verschlusszeit und 105mm Brennweite ergeben in unseren Händen immer scharfe Bilder – vorausgesetzt, das Motiv hält still. Sigma hat mit dem 24-105mm Art einen großen Wurf gelandet, ein spannendes Objektiv für Fotografen mit hohen Ansprüchen.

 

Jetzt aber raus aus den Boxen und ab an die Strecke, fliegender Wechsel auf das 120-300er. Die Meute der Rennwagen kommt beim Start auf uns zugeschossen, 230km/h stehen da auf der Uhr; für das Sigma kein Grund zur Sorge. Bei Blende 3.2, so stellt sich später am heimischen Rechner heraus, sitzt der Fokus bei jedem einzelnen Bild der Serie da, wo er hingehört – eine mechanische Höchstleistung des HSM Ultraschallmotor im Objektiv.

 

An der Start-Ziel-Geraden nutzen wir dann die Gelegenheit, den Mitzieh-Bildstabilisator des Sigma mal auf Herz und Nieren zu testen. Der funktioniert wirklich sehr gut, beim Versuch, die glühenden Bremsen einzufangen, zittert die Hand doch ordentlich. Aber auch hier bleibt das 120-300 seiner Linie treu: Es liefert einfach ab, egal was passiert. Das zeigt sich dann noch mal an der legendären Nordschleife: Hier gibt es den Sprunghügel, die Autos fliegen mit über 200 km/h mehrere Meter weit. Und selbst an dieser Stelle gelingen die Fotos spielerisch; zur guten Laune der Fotografen gesellt sich nun sogar gutes Wetter – ideal für ein paar Bilder im Gegenlicht. Dabei gibt sich das Sigma natürlich keine Blöße und beweist eindrucksvoll die Qualität der Super-Multi-Layer-Vergütung (SML).

 

Für Sportfotografen ist das 120-300 eine klare Empfehlung, dabei ist die Sportart selbst fast schon unerheblich. Aber auch Tierfotografen werden auf ihre Kosten kommen, insbesondere dank dem schönen, runden Bokeh, das hochwertigen Fotos den letzten Schliff verleiht.

 

Das Rennen ist unterdessen zu Ende, der Sieg bei dieser Veranstaltung geht erstmals ein einen japanischen Hersteller – wenn das kein gutes Zeichen ist. Bei der Siegesfeier fällt dann noch eine Kleinigkeit aus der Kategorie „unnützes Wissen“ auf: Der Polfilter ist nicht nur Wasser-, sondern auch Champagnerabweisend. Und den, liebe Entwickler bei Sigma, habt ihr euch nun wirklich redlich verdient!